Dirk Hannig aus Merseburg sitzt seit seinem Unfall im Rollstuhl.

Dirk Hannig erlitt im Januar dieses Jahres auf dem Heimweg von der Feuerwehr in Merseburg einen schweren Unfall. Vater Andreas (l.) steht ihm bei.

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Peter Wölk

Merseburg/Halle (Saale) -

„Komm, streng dich mal an“, feuert Andreas Hannig seinen Sohn Dirk an. Mühsam versucht dieser im Fahrstuhl seinen Arm zu heben, noch unkoordiniert bewegt er ihn sachte zur Seite, um den Knopf für das Erdgeschoss zu drücken. „Bravo, jetzt hast du dir das Eis verdient“, sagt Andreas Hannig, als sich die Türen des Fahrstuhls schließen.

 

Es ist nicht etwa ein Kleinkind, das der begeisterte Vater auf diese Weise versucht zu motivieren. Im Rollstuhl vor ihm sitzt sein bereits 34 Jahre alter Sohn, der derzeit weder laufen noch sprechen kann. Kommuniziert wird nur über Handzeichen und Nicken. „Die Ärzte meinten einmal: Bei Ihrem Sohn ist die Festplatte weg“, sagt Hannig. Jetzt muss er alles neu lernen.

Dirk Hanning aus Merseburg wurde bei Unfall mit voller Wucht gegen Hauswand geschleudert

Es ist der Abend des 20. Januar 2017. Dirk Hannig, seit Jahren Mitglied der freiwilligen Feuerwehr Merseburg, hat eine Schulung hinter sich und verlässt die Wache in der Oeltzschnerstraße. Bis nach Hause ist es nicht weit. Er ist mit dem Rad unterwegs. An der Kreuzung August-Bebel-/Von-Harnack-Straße passiert es: Ein 18-Jähriger nimmt Hannig die Vorfahrt und erfasst ihn mit seinem Auto. Sein Körper wird mit voller Wucht gegen eine Hauswand geschleudert.

Der Zusammenprall wird eine Zäsur in Dirk Hannigs Leben, von dem die Ärzte zunächst nicht einmal überzeugt sind, es retten zu können. „Solange sein Herz geschlagen hat, waren wir der Meinung, dass er es schafft“, sagt heute Vater Andreas, der so viel Optimismus ausstrahlt und stets eigene Energie an seinen Sohn weitergeben möchte.

Dirk Hanning aus Merseburg: Den Unfall überlebte er nur durch Not-OP's

Am Morgen nach dem Unfall informiert das Bergmannstrost in Halle, das auf Unfallopfer spezialisiert ist, zunächst Dirk Hannigs Mutter, die von ihrem Mann getrennt lebt. Dann, gegen 8 Uhr, erfährt auch Andreas Hannig, dass etwas Schlimmes passiert ist. „Im Krankenhaus befanden wir uns alle im Schockzustand“, erinnert er sich.

Er selbst ist eine gefühlte Ewigkeit bei der Feuerwehr, war bis vor wenigen Jahren sogar Chef des Kreisfeuerwehrverbands. „Durch die Einsätze habe ich viele schlimme Dinge gesehen“, erzählt Andreas Hannig. Aber einen nahen Angehörigen, noch dazu das eigene Kind, inmitten piepender Maschinen und komplett verkabelt vor sich liegen zu sehen, das traf dann auch den erfahrenen Retter hart. „Ich habe noch nie so viel geheult wie in dieser Zeit“, sagt der 55-Jährige.

Als der Vater das erste Mal nach dem Unfall am Krankenbett seines Sohnes steht, ist der bereits zweimal operiert. „Sein Gehirn war so stark angeschwollen“, sagt Andreas Hannig. „Zwei oder drei Stunden später wäre er gestorben, sagten uns die Ärzte.“

Dirk Hanning aus Merseburg lag drei Monate im Koma - ob er je wieder laufen wird, ist unklar

Neben den Kopfverletzungen, die bei Dirk Hannig wie ein Reset-Knopf fast alle Körperfunktionen auf Null setzten, war ein Fuß gebrochen. Deutlich gravierender: Die Wirbelsäule war verschoben, zwei Halswirbel gebrochen und das Rückenmark gequetscht. Eine Prognose, ob er je wieder laufen können wird, gaben die Ärzte nicht. „Drei Monate lag Dirk im Koma, allein das Aufwecken nahm drei Wochen in Anspruch“, erinnert sich der Vater. „Mein Sohn ist ein Krüppel“, sagt Andreas Hannig.

Es sind harte Worte, deren Wirkung er sich bewusst ist. „Aber sie beschreiben, was von einem Menschen nach einem so schweren Unfall übrig bleibt, am treffendsten.“

Dirk Hanning aus Merseburg sitzt nach Unfall im Rollstuhl: Die Kasse wollte anfangs nicht zahlen

In Millimeter großen Schritten kämpft sich Dirk Hannig, selbst Vater von zwei erst drei und fünf Jahre alten Kindern, zurück ins Leben. Es ist nicht nur ein Kampf gegen den geschwächten Körper, sondern auch mit den Kassen. „Wochen nach dem Unfall gab es plötzlich Aussagen, die nahelegten, dass Dirk womöglich nicht auf direktem Weg nach Hause gefahren sei“, erzählt sein Vater.

In der Folge wollte die Feuerwehrunfallkasse nichts mehr von einem Wegeunfall wissen. „Die ganze Finanzierung der Behandlung stand auf dem Spiel“, erklärt Dirks Vater Andreas. „Hätte ich nicht Rabatz gemacht, wäre mein Sohn vermutlich in ein Pflegeheim abgeschoben worden.“ Nach langem Ringen erfolgte doch die Wende. Dirk Hannig durfte weiter im Bergmannstrost behandelt werden.

Merseburger sitzt im Rollstuhl: Nach dem Unfall rief der Vater des Jungen an

In absehbarer Zeit soll er in eine Rehaklinik verlegt werden, um unter anderem wieder Laufen zu lernen. Selbst der Weg zu diesem Minimalziel ist weit. Das wissen beide, Vater und Sohn. Ob ein selbstständiges Leben je wieder möglich sein wird, ist mehr als ungewiss. „Ich erwische ihn immer wieder dabei, wie er sich hängen lässt“, erzählt Andreas Hannig. „Ey, Alter, los“, rufe er Charlie Brown, so Dirks Spitzname, dann immer zu. „Und kaum hat seine Lieblingsschwester Dienst, ist die Motivation wieder da.“

Unklar ist auch noch, wie der Unfall juristisch bewertet wird. Ein erster Prozess gegen den Unfallfahrer sei ausgesetzt worden. Ein Gutachten zum Hergang soll noch her, so Andreas Hannig. „Nach dem Unfall rief mich der Vater des Jungen an, um nach Dirk zu fragen“, erzählt Hannig. Man habe normal miteinander gesprochen. „Ich will doch nicht, dass der Fahrer dafür in den Knast geht.“ Denn auch dessen Leben sei durch den Unfall ruiniert, meint Hannig. Wenn auch nicht so dramatisch wie das von Charlie Brown. (mz)

Quelle: www.mz-web.de